«derzeit wohnhaft in»

Dieses Stück, das 2013 entstand – die ersten Ideen gehen noch weiter zurück – hat seit dem vergangenen Jahr, vor dem Hintergrund der immensen Flüchtlingsströme, die jetzt nach Europa kommen, eine ganz neue Aktualität erfahren und eine andere Akzentuierung. Unser Thema war damals die Migration, unser Interesse galt der Erfahrung einer Entwurzelung ganz allgemein.

Der aus Kolumbien stammende Tänzer Juan Dante Murillo schöpft aus seinen eigenen Erfahrungen. Er ist kein Flüchtling, er hat in Europa nicht Schutz gesucht vor Krieg und Terror, sein Leben war nicht bedroht. Sein Weg nach Europa war keine lebensgefährliche, illegale Odyssee und er kommt auch nicht aus einem muslimischen Land. Er hat nur auf der Suche

nach dem besten Weg für sein Leben das Wagnis auf sich genommen, Vaterland und Muttersprache hinter sich zu lassen. Dass schon diese Entscheidung schwerwiegende Folgen hat, zeigt das Ergebnis unserer Arbeit.

„derzeit wohnhaft in“ verhandelt mit Sprachproblemen, Vorschriftendschungel, Heimweh, Fremdheit, Einsamkeit, Selbstentfremdung und Aggression sicherlich Themen, mit denen auch viele der Flüchtlinge und Asylwerber konfrontiert sind, die jetzt in großer Zahl zu uns kommen. Es ist kein Stück über die „Flüchtlingsproblematik“ in ihrer aktuellen Wucht, aber es beleuchtet aus ungewohntem Blickwinkel mit künstlerischen Mitteln die seelische Verfassung entwurzelter Menschen und ist damit sicherlich ein wertvoller Beitrag zur Debatte.


Indische IT-Spezialisten in Großbritannien, die Altenpflegerin aus der Ukraine nebenan, afrikanische Straßenreinigungskräfte in Paris oder der Dönerverkäufer am Bahnhof: Immer mehr Menschen verlassen ihr Land auf der Suche nach dem Glück, nach neuen Perspektiven oder schlicht um zu überleben. Abflug, Ankunft, neues Leben: Die Entwurzelung ist ein tiefer Einschnitt, der Spuren hinterlässt. Auf große Träume folgt oft die Ernüchterung, eine mühsame Zeit beginnt, und manch einer verliert sich dabei selbst.

Der sich daheim wie ein Fisch im Wasser bewegte, zögert jetzt bei jedem Schritt. Ständiger Beobachtung ausgesetzt, oft verdächtig, immer unter Rechtfertigungsdruck, bemüht, nur nicht anzuecken, verliert er jede Spontaneität. Und auch wenn er eine Wohnung findet: Was ist mit der Sprache, dem „Haus des Seins“?

Dantes Solo erkundet die Auswirkungen der globalen Mobilität auf den einzelnen Menschen. Mit seinem ganzen Sein, mit Haut und Haar, Körper und Sprache, spürt der gebürtige Kolumbianer, der seit 2006 in Europa lebt und arbeitet, Erfahrungen nach, die er selbst gemacht hat und die exemplarisch sind. 70 Minuten lang stehen Komik und Katastrophe dicht beieinander, und auch das Wunderbare kommt nicht zu kurz.

Die Produktion widmet sich dem Thema des individuellen Wandels und der durchaus revolutionären Erfahrung von einer Kultur in eine komplett andere und neue zu gehen. "Derzeit wohnhaft in" folgt den Spuren eines Migranten auf seinem Weg in ein neues Leben, der Suche nach Wohnung, Arbeit, Freunden - einem neuen Leben. Wie mischen sich in einem zwei Kulturen, Sprachen, Welten? Unsere bereits 2013 entstandene Produktion steht in der aktuellen politischen Situation in einer neuen Perspketive, rückt näher heran an das Publikum.


Dante Murillo  

Geboren 1982 in Kolumbien, Abschluss Medienkommunikation an der Javeriana Universität Bogota/Kolumbien. MA (Tanz/Movement Research und Pädagogik) an der Bruckneruniversität Linz. Tourt weltweit als Performer. Entwickelt seit 2011 seine eigenen choreographischen Arbeiten. Seine jüngsten Projekte als Choreograph sind die EU-Projekte “B-Project” und “Dancing Museums”, die in Zusammenarbeit mit anerkannten Tanzhäusern und Museen in Großbritannien, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Österreich gezeigt werden.

PRESSE, REAKTIONEN


"eine unvergessliche, brilliante Vorstellung" - «derzeit wohnhaft in» auf Kreta

Es war eine eine unvergessliche, brilliante Vorstellung, sowohl was das choreographische Konzept als auch die tänzerische Umsetzung betrifft - ich möchte es nochmals und nochmals und nochmals sehen ...

Effie Caloutsis, Begründerin und Mentorin zeitgenössischen Tanzes auf Kreta, Tanzlehrerin


„Elemente eines Meisterwerks"

Hoher Einfallsreichtum, Einfachheit der verwendeten Materialien, Dynamik von Sprache und Stille. Die komplizierte und doch einfache Thematik der Migration wurde auf so vielfältige Weise bearbeitet, Humor, Würde, Kraft und Tiefe hinterließen das Publikum zutiefst bewegt, aber auch in wunderbarer, positiver Stimmung.“

Sofia Falierou, Festivalintendantin, Choreographin


Dehpunkt Kultur

Heitere sonnigbunte Aquarelle vom Leben in idyllischer Armut auf dem Land irgendwo in Lateinamerika: Die braunen Umzugskartons sind eine ideale Leinwand, die Farben wirken darauf noch weicher und wärmer ... Mit einem Schlag ändert sich das Szenario.

In die Trostlosigkeit und Kälte von Salzburgs Vororten im Schneegestöber möchte man keinen Hund hinausjagen. Und doch landet hier Juan Dante Murillo Bobadilla, bekommt so gar ein Zimmer, aber noch lange nicht das Recht auf ein selbst bestimmtes Leben. [...]

So weit Anif von den Vorstädten Pekings oder den Slums Mumbais entfernt ist, soweit entfernt ist Editta Brauns Solostück von jeglichem „Betroffenheitstheater“. Keine Spur von billiger Anbiederung an Menschen, deren Los nur zu leicht als Projektionsfläche für naive Weltverbesserungsphantasien herhalten muss. [...] Gemeinsam mit Editta Braun und dem Ko-Regisseur Arturas Valudskis entwickelte Juan Dante Murillo Bobadilla - durchaus auch auf der Basis persönlicher Erfahrungen - eine Soloperformance, die von Hoffnung und Zuversicht, von Entwurzelung und Enttäuschung, auch von Zorn, Aufbegehren und Resignation erzählt.

Dass in dieser virtuos erzählten Geschichte auch noch viel Raum für Witz und Ironie ist, bringt genau jene Distanz, die künstlerische Auseinandersetzung ausmacht. Tatsächlich ist Juan Dante Murillo Bobadilla nicht nur ein Tänzer und Performer, der die Bewegungssprache des zeitgenössischen Tanzes beherrscht und mit der beiläufigen Perfektion eines Jugendlichen auf dem vergitterten Spielplatz einsetzt. Er ist auch ein hervorragender Schauspieler und Darsteller, der mit „Sprache“ – ob nun mit Spanisch als Mutter- oder Deutsch als Fremdsprache – virtuos zu spielen weiß. [...] Die große Szene „Das ist eine neue Vorschrift“ – ein spannungsvoll aufgebautes Crescendo hin zum völligen Durchdrehen angesichts einer unverständlichen Welt - war ein Höhepunkt der gut siebzigminütigen Vorstellung. Ein anderer: Die Darstellung des völligen Verlustes der Sprachfähigkeit angesichts der kafkaesken Machtspiele einer un(an)greifbaren Obrigkeit. Nicht nur die mühsam erworbenen Deutschkenntnisse, auch Ausdrucksfähigkeit und damit die Menschenwürde gehen verloren, wenn aus dem Individuum eine obskure Nummer wird. Ein hervorragende künstlerische Auseinandersetzung mit einem aktuellen Thema, ein politisches Statement, ein bewegender Abend.  Heidemarie Klabacher, Drehpunkt Kultur, 12. Dezember 2013


«derzeit wohnhaft in» in Peking

Reaktion einer jungen Iranerin, die aus politischen Gründen ihr Land verlassen musste und nun in China lebt:

„As a middle eastern woman I found my deepest sadness in your piece. I have experienced all your story but it's necessary for most people to see how their country's instructions, rules and prejudgments destroy us as a human being. I'm living in China, surrounded by all the instructions; political, cultural and religous. So I really feel I'm leaving in a box but not as young and strong as your guy to ruin the box. I'm feeling the cold at the end of your show for years . About your performer Juan Dante Murillo, I should say I saw he was aging in so few minutes!!! He is a genius and I hope to see more work of him. It's not easy to perform in front if emotionless Chinese faces. You can't interact and you need to count only on your energy and inner strength. He could afford it in the best way.  At the end, I again thank you for keeping a mirror in front of ugliness surrounds us and are vanishing our identity as a human, citizen or even resident !“ Pooyan Samimi


Versuch nicht, in einem System zu funktionieren, das nicht deines ist. [...]

Wir kommen an. In einer neuen Welt. Alles ist an seinem Platz, nach Zahlen geordnet, in Listen aufgereiht. Wir erwarten, dass wir darin dieses Glück finden, von dem wir uns ständig vormachen, dass es uns fehle im Hier und Jetzt. ... Wir treffen Dante auf der Bühne. Eine Stunde lang wird er für uns tanzen, wird die Trost- und Nutzlosigkeit der Existenz als „Fremder“ durch die befremdlichen Bewegungen seines Körpers ausdrücken. Er wird sein eigenes Ich verleugnen, nur es um am Ende der Vorstellung zu finden, schreiend und indem er den Rahmen des utopischen Glücks, „draußen“ zu sein, sprengt. [...]

„derzeit wohnhaft in” spielt mit dem Schmerz eines modernen Reizes – des Reizes, fortzulaufen. Es behandelt die Verzweiflung darüber, “hier” zu sein, die sich in die Einsamkeit verwandelt, “dort” zu sein. [...]

Wir verstehen, dass irgendwo eine Frau wohnt, die „Glück“ heißt. “Irgendwo” in der Bühnenrealität, wo Dante haust, in einer Welt aus leeren Kartons und einem Wörterbuch . Das Stück versucht nicht, irgendwelche Grenzen zu setzen oder zu werten – seine Kraft liegt in seinem Standpunkt und der Authentizität der Darstellung. Auf der Suche nach dem vollkommenen Glück, das bedauerlicherweise eine variable Größe ist, können wir vergessen, wer wir sind, woher wir kommen, was uns so einzigartig macht, dass wir in diesem „miesen Land“ geboren wurden. Ohne es auch nur zu merken, werden wir zu einem einzigen großen “Entschuldigung” und verwirren unsere Identität. Wir beginnen, Wörter zu sprechen, die wir nicht verstehen und die nicht aus unserer Seele kommen. [...]

... Die physikalischen Grenzen des Stückes sind nicht beschränkt – Dante rennt um die Kartons, arrangiert sie, zerstört dann sein Arrangement. Wieder und wieder – er erschafft seine Wirklichkeit. Er steigt in einen Karton und fast glauben wir, er würde darin bleiben und das würde als ein trauriges Ende und Finale dienen – aber er kommt wieder heraus. Und dreht durch. Er verwandelt sich schrittweise in eine humanoide Kreatur, die Laute erzeugt. Laute der Unzufriedenheit, der Angst und der Entfremdung.

Die Regisseurin Editta Braun fordert uns auf, die Kartons wegzuwerfen. Oder sie wenigstens mit unseren eigenen Farben zu bemalen.

Übersetzt aus dem Bulgarischen ins Englische von Elena Doynova, übersetzt ins Deutsche von Gerda Poschmann-Reichenau

«derzeit wohnhaft in»

Solo, 70 Minuten. Entsteht 2013 in Salzburg


Performance, Kreation: Dante Murillo


Regie, Konzeption, Ausstattung, Kreation: Editta Braun

Komposition: Thierry Zaboitzeff

Ko-Regie: Arturas Valudskis

Dramaturgie: Gerda Poschmann-Reichenau

Gemälde (Visuals): Sigrid Linher, Evelyn Braun

Texte: Dante Murillo und "Deutsch in 30 Tagen" (Langenscheidt)

Ko-Produktion: ARGEkultur Salzburg

Produktion: Österreichisches Bundeskanzleramt-Kunstsektion, Stadt Salzburg-Kultur, Land Salzburg-Kultur


«derzeit wohnhaft in» -  Technical Rider



Photos: Rolf Seiffert