«planet LUVOS»


Was bleibt? Wenn alles vorbei ist, nach der letzten großen Flut?

„Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist“?

Seit über zehn Jahren gibt die Reflexion über die menschliche Autodestruktion unserer tänzerischen Recherche die Richtung vor, immer wieder, immer bewusster. Die Auseinandersetzung mit Manfred Wöhlckes These von der „sozialen Entropie“ (manifest, 2002), die Phantasie zu den erschreckenden Perspektiven der Genmanipulation (oXalis, 2005), die Parabel über das Erstarren einer schuldig gewordenen Zivilisation im Schweigen (coppercity 2001, 2007), die Diagnose zunehmenden Gegenwartsverlusts durch übersteigerte Heilserwartungen in die Zukunft (Wenn ich einmal tot bin, komme ich ins Paradies, 2008), die Konfrontation mit der Unausrottbarkeit des Krieges und dem Scheitern aller Utopien (König Artus, 2010), schließlich die Frage nach der Berechtigung von Kunst angesichts der humanitären und ökologischen Katastrophen unserer Zeit (schluss mit kunst, 2011) – all das führt, wenn nicht zu Verzweiflung und Resignation, zur immer drängenderen Suche nach einem Ausweg, oder – wenn es dafür wirklich zu spät ist - zumindest nach einer Antwort auf die Frage nach dem Grund der Auswegslosigkeit.


planet LUVOS schließt den Kreis dieser Befragungen, indem es – tröstlich – verweist auf den Teil an und in uns, den wir Menschen viel zu lange vernachlässigt oder sogar ganz vergessen haben. Indem es den Untergang der Gattung Mensch beschreibt als Heimkehr in eine all-organische Existenz, in der die Auslöschung des Individuums nicht als Untergang erlebt wird, sondern als harmonisches Aufgehen in einem größeren Ganzen. Wir begleiten die letzten Menschen dieser Erde bei ihrer Begegnung mit den seltsam- befremdlichen, vielleicht zu Beginn auch furchteinflößenden und unheimlichen Kreaturen einer Unterwasserwelt, die sie zuletzt freundlich aufnehmen in ihre Welt der Stille und selbstverständlichen Harmonie. Was bleibt, ist jedenfalls größer als der Mensch.


Dabei schließt diese Produktion auch ästhetisch einen Bogen ab, der weit zurückreicht:

1985 zeigte das Kollektiv Vorgänge im Heiligen Hain der Priesterin Aloufoo im südsenegaleischen Dorf Fangoumé einen ersten Entwurf der Körperperformance Lufus, mit welcher es im Jahr darauf beim Choreographiewettbewerb von Bagnolet/Paris den Zweiten Preis und den Preis für die Innovativste Choreographie gewann. Aus diesem Kollektiv heraus entstand 1989 die editta braun company, die über zehn Jahre später die Grundideen dieser Performance weiterspann und 2001 das abendfüllende Stück Luvos, vol. 2 zur Uraufführung brachte. Seither wurde diese Chorografie in 15 Ländern und 27 unterschiedlichen Städten vor insgesamt ca. 15.000 ZuschauerInnen gezeigt. planet LUVOS konfrontiert nun erstmals die surrealen Luvos-Körperwelten mit der menschlichen Gestalt einer frei bewegten Tänzerin – Traum und Realität, Vision und Gegenwart treffen aufeinander in einem unverwechselbaren theatral-tänzerischen Moment.


«planet LUVOS» entsteht 2012 in Salzburg

Tanz und Bewegungsrecherche:  Dorota Karolina Łęcka (PL), Andrea Maria Handler (AT), Katja Bablick (DE), Sandra Hofstötter (AT), Martyna Lorenc (PL)

Komposition: Thierry Zaboitzeff

Choreografische Assistenz: Barbara Motschiunik, Dante Murillo

Lichtdesign: Peter Thalhamer

Dramaturgie: Gerda Poschmann-Reichenau

Choreografie: Editta Braun

"Die tänzerisch-technisch grandiosen Verwicklungen von Körpern, Armen und Beinen lassen nicht nur über die Beweglichkeit der Performerinnen und die Erfindungs- und Vorstellungskraft der Choreografin Editta Braun staunen ... Wenn dann Arme und Hände nach vorne kommen, wild herumfuchteln und an den Pobacken salutieren, ist das ... schlicht und einfach urkomisch. Diese seltsamen Geschöpfe gehen auf ironische Distanz zu sich selber. Brillant! Wenn das doch auch der Gattung Mensch im Allgemeinen und der Untergattung Zeitgenössischer Choreografie im Besonderen öfter eignete!"

Drehpunkt Kultur, 22. Oktober 2012


Was bleiben wird, ist größer als der MenschOberösterreichische Nachrichten, 29. September 2012

Eine faszinierende Tanz-Uraufführung von „planet LUVOS“ mit der editta braun company beim Brucknerfest.

... Der Zuseher taucht ein in diese blaue, blubbernde Wasserwelt. Einzig das Horn eines Dampfers aus weiter Ferne kündet von der Existenz des Menschen, irgendwo da draußen. Und eine Frau, die sich plötzlich im Reich befremdlicher, doch friedlicher Wesen wiederfindet. Sieben Tänzerinnen (Katja Bablick, Andrea Maria Handler, Sandra Hofstötter, Dorota Karolina Lecka, Martyna Lorenc, Marcella Mancini und Spela Vodeb) bilden dieses symbiotische, sensible Kollektiv: Wie Anemonen-Arme wirken ihre in die Luft gereckten Füße, die in ihren Bewegungen blitzschnell aufeinander reagieren. Ihre Körper verlieren das Menschliche, werden zu Gebilden. Nackte Rümpfe queren als fremdartige Wesen die Bühne. Es sind faszinierende Bilder, eine durch und durch gelungene Illusion, zu der auch das perfekte Lichtdesign von Peter Thalhamer und der sparsame Unterwasser-Sound von Thierry Zaboitzeff beitragen.

Fast zärtlich umschlingen schließlich die Arme das Menschenwesen, das sich bereitwillig in die sanfte Umarmung fügt. Das vermeintliche Ende erscheint als tröstliches, die Auflösung des Individuums im größeren Ganzen. Langer, begeisterter Applaus.