«Abseits»


Während für die überwiegende Mehrheit der Menschheit existentielle Angst das tägliche Leben belastet, suchen viele Mitteleuropäer, die in der glücklichen Lage wären, ein Leben ohne solche Angst führen zu können, den "Kick" auf andere Weise. Gehört die Angst untrennbar zum Menschen? Und worin liegt ihre Faszination? Leerlauf, Langeweile, Aggression, Angst, Gewalt, Macht und Ohnmacht - mit ihrer neuen Produktion erforscht die editta braun company die Abgründe der menschlichen Seele. Drei DarstellerInnen beschreiben einen Parcours, der beides zugleich ist: zutiefst menschlich und zutiefst unmenschlich. Die Mechanik unheilvoller menschlicher Emotionen interessiert dabei vor allem als Gruppenphänomen. So formiert sich das Trio immer wieder neu. Mal bilden sich Fronten, mal ist jeder auf sich gestellt, dann wieder bietet man gemeinsam der namenlosen Bedrohung die Stirn. Was aus Langeweile beginnt, endet als Trip in die Hölle. Oder war alles nur ein Spiel?


Ausgangspunkt der Recherche war das Thema Angst, neu ist dabei die Methode: Unter dem Arbeitstitel "Stille Post" wagte man das Experiment, das Ensemble nacheinander mit drei verschiedenen ChoreografInnen arbeiten zu lassen, ehe Editta Braun als letzte in der Reihe das unvorhersehbare Resultat aus drei Teilen zum Tanz-Theater-Abend vollendete. Wie beim Kinderspiel "Stille Post" wandelte sich der Ausgangsbegriff "the power of fear" dabei von einer Phase zur nächsten, zumal mit der Choreografie bewusst KünstlerInnen aus verschiedenen Kulturkreisen ausgesucht wurden: Die in Portugal lebende Italienerin Teresa Ranieri, Shlomo Bitton aus Israel und der aus Litauen stammende Salzburger Regisseur Arturas Valudskis erarbeiteten mit dem Ensemble aufgrund ihrer verschiedenen Biografien sehr individuelle Variationen zum Thema. Die TänzerInnen Anna Maria Müller (Österreich), Tomaz Simatovic (Slowenien) und Juan Dante Murillo Bobadilla (Kolumbien) brachten ihre eigenen Lebenshintergründe mit ein.


«Abseits» entsteht 2009 in Montemor/Portugal und Salzburg.

Darsteller: Juan Dante Murillo Bobadilla, Tomaz Simatovic, Anna Maria Müller

Choreografie: Teresa Ranieri, Shlomo Bitton, Arturas Valudskis, Editta Braun

Konzeption, Gesamtregie: Editta Braun

Komposition: Thierry Zaboitzeff

Lichtdesign: Thomas Hinterberger

Dramaturgie: Gerda Poschmann-Reichenau

Koproduktion: ARGEkultur, O Espaço do Tempo

Zustandsbilder der Angst: "Editta Braun ... hat einen konzisen und zugleich lockeren, brutalen und zugleich pointiert-witzigen Kommentar zu einem Lebensgefühl abgegeben. Die Dichte, Direktheit, die in den Tänzern schweißtreibend aufgeladene Körperpräsenz erfährt, hat unmittelbare Kraft. "Abseits" ist so gesehen mittendrin - und somit ein sinniges, sinnliches, nach vorn gerichtetes Geburtstagsgeschenk (zu 20 Jahre editta braun company)".
Karl Harb in Salzburger Nachrichten, 25. September 2009


Wo die Angst auf sechs Beinen umgeht: "Übergriffig, fordernd, ja schon. Aber obwohl Angst das Thema ist, ist es alles andere als ein bedrückender Abend. Wenn es auch Szenen gibt, in denen die drei Tänzer/Schauspieler in gewagten Bewegungsfolgen einander gegenseitig rabiat an die Wände knallen, so ist die Handschrift dieses Abends insgesamt locker, und die Selbstironie kommt eben so wenig zu kurz wie die leise Poesie. Angst: Das ist ja oft etwas durch und durch Irreales. Oder etwas selbst Produziertes, gewollt oder ungewollt, als "Kick" oder als Reflex auf vage Ahnungen. ... Man kann sich eine Stunde lang ehrlich freuen über die Spannung aus unterschiedlichen tänzerischen Sprachen, Annäherungen ans Thema. Und darüber, wie rund das in Summe gefasst ist."

Reinhard Kriechbaum in Drehpunkt Kultur, 24. September 2009


Getanzte Angstzustände: "Aggressiv knallen die beiden Männer ihre Partnerin an die Wand. Dann "strippen" sie in einer TV-Show, in der über Ängste geredet wird. Später muss der eine dem anderen auf den Kopf springen - es geht um Folter und Repression. Dann verknäulen sich die Körper. Die Menschen rücken zusammen, weil Bomben geworfen werden. Tomaz Simatovic,

Anna Maria Müller und Juan Dante Murillo Bobadilla sind die Akteure des Abends. Alle drei spielen, tanzen, reden, kämpfen und bangen auf hohem künstlerischen und sportlichen Niveau. Editta Brauns Stück ist keine persönliche Version der erregten Unlust. Es ist eine in der Gruppe erarbeitete, kollektive Vorstellung von Bedrohlichkeit. Jeder der drei Tänzer sowie zusätzlich auch andere, mit der Company verbundene Choreographen haben "Stille Post" ... gespielt und verschiedene Aspekte der Angst zu einem Ganzen zusammengefügt. Es spricht für die Vertrautheit und Geschlossenheit der Editta Braun Company, dass die individuellen Ideen am Ende ein homogenes Stück ergeben. Die verbindende Klammer dabei ist ein schelmisches Augenzwinkern. Ja, der Humor durchzieht die meisten Arbeiten dieser zu den international renommiertesten Performern Österreichs zählenden Choreographin".

Christoph Lindenbauer für APA (Austrian Press Agency), 25. September 2009